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Es ist nie zu spät, neu anzufangen

ACHTUNG: Dieser Blogeintrag wird sehr persönlich.

Es gibt Momente im Leben, in denen man spürt: So kann es nicht weitergehen.
Manchmal ist dieser Moment laut.
Manchmal ganz leise.

Mein Neuanfang begann mit 40 Umzugskartons – und ich hatte damals keine Ahnung, dass es dabei nie um die Kartons ging.

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade von meiner Ordnungskollegin Monika Köhler zum Thema "Es ist nie zu spät, neu anzufangen."
Hier gelangst du zu ihrem Artikel: https://ausmistenundmehr.de/blogparade-es-ist-nie-zu-spaet-neu-anzufangen/

Das Thema ist: Es ist nie zu spät, neu anzufangen.
Ein Thema, das mich selbst sehr bewegt.

Mein persönlicher Neuanfang begann buchstäblich mit einem Umzug ans andere Ende des Landes. Ich hatte beruflich eine tolle Möglichkeit bekommen und die Firma bezahlte mir den Umzug. Ich bin nicht gern aus der Stadt weggezogen, aber mich hat auch nicht wirklich was dort gehalten. Ich war 23 und sehr, sehr jung.

Ich lebte vorher in einer 1-Zimmer-Wohnung mit 33qm und kleinem Balkon und meine Hündin Paula und ich haben hier im Grunde gern gelebt. Es war der erste Ort, an dem ich mich wirklich zuhause gefühlt habe. Doch mein Zuhause stresste mich auch. Wenn du mich gefragt hättest, hätte ich es nicht benennen können, was mich gestört hat. Inzwischen kann ich sagen: Es lag an der Unmenge an Dingen, die ich besessen habe.
Versteh mich nicht falsch, ich bin kein Jäger und Sammler, ich bin einfach eine kreative Person mit vielen Hobbys und Interessen. Bücher, Bastelmaterialien, Kleidung, etc. Ich hatte das Gefühl, alles noch gebrauchen zu können und alles war irgendwie emotional behaftet.

Ein defektes Handy? Hatte sicher noch irgendeinen Zweck.
Ein Shirt, was ich im Sale gekauft hatte, mit dem Gedanken, dass ich es irgendwann noch auf mich anpassen könnte? Mache ich sicher noch.
Ein Deko-Einhorn, das mir ein Exfreund geschenkt hatte? Das kann ich doch nicht weggeben.
Die zig Bücher, die ich noch nicht gelesen habe? Na klar.
Auf dem Esstisch lag ein halbfertiges Bastelprojekt. Neben dem Sofa stapelten sich Bücher. Im Kleiderschrank warteten Shirts darauf, irgendwann geändert zu werden. Alles schien mich gleichzeitig anzuschreien: "Mach mich endlich fertig."

Und so sehr ich diese Wohnung auch liebte: Ich war so überfordert von meinem Besitz, dass ich dort eigentlich nicht mehr gern war. Überall unvollendete Projekte, offene To-Dos, die mich an meine eigene Unzulänglichkeit erinnern. Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass ich beim aufräumen bei Null anfing und mich eigentlich nur im Kreis drehte. Die „Ordnung“ hielt außerdem nicht lange. Ich verbrachte so viel Zeit damit, Dinge zu suchen und von A nach B zu räumen, dass ich keine Zeit mehr dafür hatte, Dinge zu tun, die mir wirklich Spaß machten. Gleichzeitig schleppte ich ständig neue Sachen an, von denen ich glaubte, sie würden mir ein besseres Gefühl geben. Ich fühlte mich gefangen. Die Lösung war mir klar, aber ich kannte den Weg nicht.

Der Umzug stand bevor, und ich wusste, das alles musste mit mir mit. Auf die Idee, vorher groß (also wirklich groß) auszusortieren, kam ich gar nicht. Mal verließ mich hier eine Kleinigkeit, mal dort.
Am Tag des Umzugs im November 2018 saß ich morgens in meiner Wohnung und betrachtete 40 Kartons, die ich gepackt hatte. Stell dir das mal vor, 40 Kartons für eine alleinstehende junge Frau. Plus Möbel.
Früher war ich stolz, weil ich gefühlt jeden Zentimeter in meiner kleinen Wohnung genutzt habe. Jetzt sage ich das zwar immer noch, aber nicht mehr mit Stolz. Denn mir führt vor Augen, was für Blockaden ich damals hatte.

Der Umzug war stressig und auch wenn ich ein Umzugsunternehmen im Rücken hatte, war es viel, was bewegt werden musste. Denn bei einem Umzug wird man damit konfrontiert, WAS man wirklich alles besitzt. Denn alles muss in die Hand genommen werden. Auf den 5h-Fahrt in meine neue Heimat grübelte ich darüber nach, denn mit dem Transport war es ja nicht getan. Irgendwann musste ich das alles ja auch wieder auspacken und einräumen.

Ich wohnte etwa ein Dreivierteljahr in zwei Übergangs-WGs und lebte aus Kartons. Ich fühlte mich zwar heimatlos, weil ich wusste, es war eine Unterkunft auf Zeit, aber im Nachhinein würde ich sagen, dass mir zwar einige Dinge fehlten, aber der Großteil fehlte mir nicht. Ich fühlte mich… sowas wie frei?

Als mein damaliger Partner und ich endlich eine Wohnung fanden, ging es mir schlecht. Ich hatte regelrecht Angst vor dem Moment, in dem ich die Kartons würde auspacken müssen. Ich wusste, ich würde mit dem gleichen Kram konfrontiert werden, den ich nun lange weggepackt hatte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Mich motivierte nur der Gedanke, dass ich dann auch wieder Dinge um mich hätte, über die ich mich definierte und die zu meinem Wohlbefinden beitrugen. Ich redete mir ein: Mein Zuhause ist da, wo ich bin.
Tatsächlich setzte sich nur das Problem fort, meine Wohnung machte mir mehr und mehr Angst und ich war dort nicht gern.

Beruflich klappte das alles irgendwie nicht. Ich brannte langsam, aber sicher aus und es war besser so, dass die Firma und ich uns trennten.
Danach war mir umso mehr bewusst, dass ich etwas ändern müsste. Doch ich tat – nichts. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil ich nicht wusste, wie.

Dann kam März 2020 – der erste Lockdown. Man war gezwungen, zuhause zu sein. Ich scrollte auf Pinterest auf der Suche nach dem nächsten Projekt, ignorierend, dass hier noch haufenweise unvollendete Projekte rumlagen.
Da ploppte ein Artikel auf über Minimalismus. Ich dachte „Cool, klingt interessant“ und ich begann zu lesen. Und zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich mich verstanden fühlte. Die Autorin beschrieb genau das Problem, das ich selbst hatte. Vergessen war mein neues Projekt und ich las mich ein. Irgendwann stieß ich auf den Namen Marie Kondo. Eine Japanerin, die eine Methode erfunden hatte, die beim Ausmisten und Aufräumen hilft. Ich bestellte mir umgehend das Buch und verschlang es innerhalb von zwei Tagen. Und dann brannte es mir unter den Nägeln.

Ich begann mit dem Kleiderschrank und warf alles aufs Bett. Dann musste ich kurz Pause machen, denn ich war schockiert von der Menge. Das besaß alles eine Person?
Unschlüssig begann ich, doch die Reflexionsfragen von Marie Kondo halfen mir. Drei Stunden später saß ich erschöpft auf dem Bett und starrte auf den großen Haufen mit Kleidungsstücken, den ich aussortiert hatte. Daneben ein kleinerer Haufen mit Teilen, die ich behalten wollte. Und ich spürte seit langer Zeit wieder so etwas wie Frieden und Ruhe in mir. Alles, was ich nicht wollte, packte ich in vier 120L-Säcke.

Ich lernte in den nächsten Monaten mehr über mich und mein Konsumverhalten. Rückblickend habe ich beim Ausmisten nicht gelernt, Dinge loszulassen. Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen.
Die Veränderung war körperlich und psychisch spürbar. Ich verlor Gewicht, ohne was dafür zu tun. Säcke- und kartonweise verließ Zeug unsere Wohnung und ich spürte auch, wie sich in mir etwas veränderte. Plötzlich fiel mir auf, wie katastrophal meine Beziehung lief. Getreu dem Motto von Marie Kondo hinterfragte ich, ob mich diese Beziehung glücklich macht. Klares Nein. Also trennte ich mich von meinem Partner.

Ich lernte, meine in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen zu verstehen und mir zu verzeihen. Ich verarbeitete das ein oder andere Trauma. Ich lernte mich selbst neu kennen und ich bin heute nicht mehr die, die ich damals war.
Mein Leben ist heute nicht perfekt. Aber mein Leben fühlt sich absolut lebenswert an.

Das Thema Aufräumen beschäftigte mich noch einige Jahre später regelmäßig. Im Job war ich an einem Punkt angekommen, wo ich nicht mehr glücklich war. Ich brauchte eine Alternative.

Mit einem Business-Coach erarbeitete ich mir eine Grundlage, die mir Stabilität und Gewissheit gab:
Ich mache da etwas, was anderen helfen könnte, genau so wie es mir geholfen hat, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Und so recherchierte ich und stieß auf die Ordnungswelt und das Center for Professional Organizers – und fing eine Coachingausbildung an.
Vor ein paar Monaten war es dann so weit, Ende Februar 2026 gründete ich fast 6 Jahre nach meiner eigenen Aufräumreise mein eigenes Ordnungsbusiness „Top aufgeräumt“.

Wenn ich heute nach einem Coaching nach Hause fahre, denke ich oft an die junge Frau zurück, die 2018 zwischen 40 Umzugskartons saß und glaubte, sie müsste einfach nur besser aufräumen.

Heute weiß ich:
Es ging nie um Ordnung.
Es ging darum, sich selbst wieder Raum zu geben.

Du musst dich nicht schämen, wenn du von deinem Zuhause überfordert bist, und wenn du bereit bist, die Sache anzugehen, melde dich gern bei mir. Niemand muss diesen Weg allein gehen.

Ein Gedanke zu “Es ist nie zu spät, neu anzufangen

  1. MK Monika Köhler sagt:

    Liebe Gila,
    du hast hier nicht übertrieben, der Beitrag ist wirklich sehr persönlich und zugleich unglaublich schön und vor allem seeehhhhr authentisch geworden. Ich bin begeistert. Gleichzeitig dankbar, dass du den Mut gefunden hast, das alles so offen zu erzählen und zu teilen. Deine Kunden werden dich dafür lieben. Denn sie wissen damit ganz genau, dass sie bei der richtigen Ordnungsexpertin gelandet sind.
    Viel Erfolg weiterhin auf deiner Ordnungsreise!
    Alles Liebe, Monika 💚

    1. G Gila sagt:

      Vielen lieben Dank :)

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